Wenn Politik Unternehmertum bestraft: Warum die Debatte um die Teilzeit ein Rückschritt ist
Benz Digital ist kein politisches Medium. Normalerweise halten wir uns aus tagespolitischen Debatten heraus und konzentrieren uns darauf, digitales Unternehmertum voranzutreiben. Doch es gibt Momente, in denen eine politische Initiative so direkt in die unternehmerische Realität eingreift, dass Schweigen falsch wäre.
Ein aktueller Vorstoß aus dem Wirtschaftsflügel der CDU, der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), fordert, den Rechtsanspruch auf Teilzeit abzuschaffen oder massiv einzuschränken. Wer die Hintergründe liest, erkennt schnell: Hier wird an der Basis der deutschen Gründerszene gesägt.
Dieser Text klammert bewusst soziale Aspekte aus. Es geht uns um eine Gruppe, die politisch oft übersehen wird: Menschen, die parallel zu ihrer Anstellung selbstständig sind oder diesen Schritt vorbereiten.
Das hybride Modell: Der wichtigste Wachstumstreiber der Gründungsszene
In Deutschland entsteht ein großer Teil neuer Unternehmen nicht aus dem Nichts. Ein Blick in den aktuellen KfW-Gründungsmonitor 2024 zeigt eine deutliche Verschiebung in unserer Wirtschaft:
- Rückgang im Vollerwerb: Die Zahl der Gründungen im Vollerwerb sank 2023 um 8 % auf ca. 205.000.
- Wachstum im Nebenerwerb: Gleichzeitig stiegen die Nebenerwerbsgründungen um 11 % auf 363.000 an.
- Die Realität: Damit stammen rund 64 % aller Gründungen aus dem Nebenerwerb.
Die Daten machen deutlich: Das Wachstum der deutschen Gründungstätigkeit stammt fast ausschließlich aus dem Nebenerwerb. Das hybride Modell ist das Fundament für neue Unternehmen in Deutschland. Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit, um mit Bedacht etwas Eigenes aufzubauen, ohne sofort die gesamte Existenz zu riskieren.
Was die Forderungen der MIT faktisch bedeuten würden
Derzeit ist der Anspruch auf Teilzeit im § 8 Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) verankert. Er erlaubt es Arbeitnehmern in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten, ihre Zeit zu reduzieren – oft die einzige Chance, die nötigen Stunden für den Aufbau eines eigenen Business zu gewinnen. Sollte dieser Anspruch fallen, hätte das Folgen:
- Einschränkung der beruflichen Freiheit: Teilzeit könnte wieder zur reinen Verhandlungssache werden, bei der Gründungsabsichten im Zweifel den Kürzeren ziehen.
- Unternehmertum wird zur Hürde: Wer gründen will, hätte kein rechtlich abgesichertes Instrument mehr, um die notwendige Zeit dafür freizuschaufeln.
- Erhöhtes Risiko: Der Weg in die Selbstständigkeit würde für viele zum riskanten „Alles-oder-Nichts“-Szenario.
Aus unternehmerischer Sicht wäre es widersprüchlich, einerseits mehr Gründermut zu fordern und andererseits die bewährten, risikoarmen Einstiegswege rechtlich zu erschweren.
Wer verliert? Die gesamte Volkswirtschaft
Die Zahlen der KfW belegen die Bedeutung des Nebenerwerbs. Hybride Gründer tragen doppelt Verantwortung. Sie stützen durch ihre Anstellung die Sozialsysteme und investieren gleichzeitig Zeit und Kapital in die Innovation von morgen.
Wer diese Gruppe durch die Erschwerung von Teilzeitmodellen ausbremst, gefährdet einen zentralen Multiplikator für zukünftiges wirtschaftliches Wachstum.
Unternehmertum braucht Flexibilität, keine Vollzeitkästchen
Die Debatte zeigt oft ein veraltetes Bild der Arbeitswelt. In einer modernen Wirtschaft sollte ein Mensch nicht in ein starres 40-Stunden-Kästchen gepresst werden, nur damit die Statistik einfacher zu führen ist. Gerade die Flexibilität hybrider Modelle ermöglicht Innovation außerhalb verkrusteter Strukturen.
Unternehmertum beginnt selten mit 100 % Risiko. Die meisten erfolgreichen Köpfe, die wir bei Benz Digital begleiten, haben den Mut zur Gründung erst durch die zeitliche Flexibilität der Teilzeit gefunden. Diese Initiative des CDU-Wirtschaftsflügels trifft damit genau die Leistungsträger von morgen.